Prinzessin Alice und der singende Schatz

Prinzessin Alice saß in ihrem hohen Turmzimmer und schaute aus dem Fenster. Sie hatte leuchtend rote Haare, die wie Herbstlaub aussahen, und ihre Augen waren so grün wie das frische Gras im Frühling. Auf ihrem Kopf trug sie eine winzige, goldene Krone, die bei jeder Bewegung glitzerte. Ihr dunkles, blaues Kleid war so weich wie die Nacht, aber heute fühlte sich alles ein bisschen langweilig an. Alice seufzte und wünschte sich, dass etwas Aufregendes passieren würde.
Plötzlich flatterte etwas Buntes durch das offene Fenster und landete mit einem leisen Plumps auf ihrem Schreibtisch. Es war ein Papagei mit Federn in allen Farben des Regenbogens, der eine kleine Augenklappe über einem Auge trug, die aber nur aufgemalt war. Er schüttelte seine Federn, schaute Alice mit seinem guten Auge an und krächzte: „Ahoi, an Land!“ Alice kicherte, denn so wurde sie noch nie begrüßt.
Der Papagei stellte sich als Riz vor und erzählte, dass er früher auf einem großen Piratenschiff gelebt hatte. Er sprach mit einer lustigen, rauen Stimme und erzählte von wilden Stürmen und fernen Ländern. Riz erzählte von seinem Kapitän, der einen Bart so lang wie ein Seil hatte und lauter lachte als ein Gewitter. Am liebsten aber sprach Riz von einer geheimen Schatzinsel, die nur er kannte.
Alice' Augen wurden groß und rund wie Untertassen. Eine Schatzinsel! Das klang viel aufregender als im Schloss zu sitzen und auf den Abend zu warten. „Ein echter Schatz?“, fragte sie mit aufgeregter Stimme. „Ja, ein Schatz, wertvoller als alle Juwelen im Königreich!“, krächzte Riz stolz und plusterte seine bunten Federn auf. Alice spürte ein Kribbeln im Bauch, das Gefühl von einem neuen, großen Abenteuer.
„Bringst du mich dorthin, Riz?“, fragte Alice hoffnungsvoll. Riz nickte eifrig mit seinem kleinen Kopf. „Aber natürlich, Prinzessin! Wir brauchen nur etwas, das fliegen kann“, sagte er. Alice klatschte in die Hände, denn sie hatte ein Geheimnis. Im allerhöchsten Turm des Schlosses gab es ein altes, verzaubertes Ruderboot, das fliegen konnte, wenn man die richtigen Zauberworte flüsterte.
Leise schlichen sie zum höchsten Turm, und Alice flüsterte die geheimen Worte. Das Boot erhob sich sanft vom Boden und schwebte durch das offene Turmfenster hinaus in den Nachthimmel. Unter ihnen glitzerten die Lichter des Königreichs wie verstreute Diamanten. Riz saß auf der Spitze des Bootes und navigierte sie sicher zwischen den weichen, flauschigen Wolken hindurch, die wie große Zuckerwatte aussahen.
Nach einer Weile erreichten sie eine kleine Insel, die in silbernes Mondlicht getaucht war. Sie landeten am Strand und folgten einer alten Karte, die Riz aus einer seiner Federn zog. Hinter einem Wasserfall aus Sternenstaub fanden sie eine alte Holztruhe. Aufgeregt öffnete Alice den schweren Deckel, ihre Hände zitterten ein wenig vor Spannung.
Aber in der Truhe waren kein Gold und keine Juwelen. Stattdessen war sie bis zum Rand gefüllt mit den schönsten Muscheln, die Alice je gesehen hatte. Jede Muschel schimmerte in einer anderen Farbe und als Alice eine an ihr Ohr hielt, hörte sie eine leise, wunderschöne Melodie, wie ein sanftes Schlaflied. Das war der Schatz: singende Muscheln! Alice lächelte, nahm eine der Muscheln mit und Riz beschloss, bei ihr im Schloss zu bleiben, um jeden Abend neuen Abenteuergeschichten zu lauschen.